Montag, 14. Juli 2014

Ein Leben 6

Sara kannte eine Liebe.
Vor vielen Jahren hatte sie ihn kennengelernt. Ganz in Schwarz gekleidet, mit blonden Haaren war er vor ihr gestanden. Nie und nimmer will der etwas von dir, dachte sie noch. Und doch, zwei Jahre später kam ihr Sohn zur Welt.
Es war Liebe auf den ersten Blick. Auf beiden Seiten. Gesehen, gefunden. Auf jeden Topf gehört ein Deckel. Dieser Mann war ihr Deckel.
Freilich war ihre Liebe nicht immer glücklich. Zu unterschiedlich die Interessen. Aber in vielen Punkten dachten sie ähnlich. Und das Fundament ihrer Zukunft war ihre Liebe. Sie wächst bis heute.

Als sie die Augen aufschlug, stand er vor ihr. Nicht mehr in schwarz gekleidet, die Haare schon etwas grau und weniger als damals, aber immer noch gut aussehend wie damals. Das sollte es also gewesen sein. Wenn es nach den Ärzten ging, hatten sie noch zwei Wochen….

Ein Leben 5

Sara stand nicht gerne im Mittelpunkt. Für sie zählten andere Werte, sie agiert gerne aus dem Hintergrund, mit Menschen, die ebenfalls wie sie, auf der ruhigen Seite waren. Aber selten mit jenen, die eh schon im Mittelpunkt standen. Sara hatte auch das Gefühl, dass alle Welt sie übersah, sie quasi unsichtbar war. Aber stimmte das?
Sara sprach,... niemand hörte zu. Aber andererseits, die Menschen, die sie kannten, taten das sehr wohl. Woran lag das also? Für den Moment gab dazu kein Patentrezpet.

Ein Leben 4

Sara`s Gedanken begannen wieder zu kreisen. Ganz ruhig, zwang sie sich. Analysieren, strukturieren. Das hatte sie gelernt, durch ihren Beruf. Immer eines nach dem anderen, nur nicht hektisch, sondern konzentriert und ruhig arbeiten. Auf einem Seminar weit weg von zu Hause war es. Führung war damals das Thema gewesen. Wie werde ich "Führungskraft". Sara, die insgeheim schon lange führte, war interessiert dabeigewesen, hatte über den jugendlichen Elant und das Engagement der Kollegen gestaunt, Erfahrungen ausgetauscht, viel gelacht und gut gegessen. Damals hatte sie sich wohl gefühlt, obwohl sie niemals zuvor zwei Tage alleine, ohne ihre Familie, verbracht hatte. Ungewohnt war diese Situation, aber machbar. Die Natur entschädigte sie, ein Ausblick auf eine Burg, die sie tags darauf im Morgengrauen erwandern wollte. Genau diese Ruhe wollte sie nocheinmals spüren. Diese magischen Augenblicke, hoch über den Dächern des Dorfes, kleine Wolken am Himmel, nichts zu hören, als ein paar Vögel und ihren etwas stoßweise kommenden Atem. Diese Stunde, mit sich alleine, hoffend, dass es jemanden gibt, der sie am Abend empfangen würde und jemand anderen, der über sie wachte und ihr Gutes wollte.
Führungskräfte mussten kommunikativ sein, wahrscheinlich auch gerne im Mittelpunkt stehen und ihnen durfte nichts peinlich sein. So war es gesagt worden, und Sara hatten den Eindruck, als ob unter den 15 Teilnehmern des Kurses sie die Einzige sei, die all das nicht war. Ruhig hörte sie zu, nahm Gedanken auf, dachte sie zu Ende. Bei unzähligen Gruppenaktivitäten, immer wieder einer der etwas präsentieren musste, sie wusste, dass sie das nicht sein konnte. Aber war das wichtig? Scheinbar schon. Nur so konnte man, lt. dem Trainer, eine gute Führungskraft sein. Man muss alle Punkte beherzigen und "draufhaben". Was für ein Wort....

Ein Leben 3

Mit diesen Eindrücken wachte Sara in einem Krankenbett auf. Ihr Mann stand daneben, ein paar Männer in weiß, ihr Mann fragte sie etwas, sie antworteten mit Ja. Das konnte doch nicht so schlecht sein, obwohl sie die Frage davor nicht verstanden hatte.
Ihre Gedanken begannen zu rasen, was hatten sie gesagt? Nur noch so kurz Zeit. Warum? Wieso? Plötzlich sahen sie alle an, sie lag nur da, und schloss die Augen. Nur nichts mitbekommen, einfach Stille um alles zu begreifen, noch ein paar Augenblicke.
Ihr Mann strich ihr über den Kopf, sie hörte den Arzt flüstern, dann eine Zimmertür und endlich war es ruhig.

Ein Leben 2

Vor langer Zeit, als sie noch ein kleinen Mädchen war, fühlte sich Sara verloren. Verloren und allein gelassen, sie hatte Angst vor allem möglichen, vor allem vor der Dunkelheit. Das schien es ihr, als kämen Geister hinter der Mauer hervor, und würden sie mitnehmen wollen, in eine Welt, die sie nicht kannte.
Sie hatte Angst, das Falsche zu tun oder zu sagen, vor den Strafen der Mutter, vor den Attaken des Vaters. Einmal wollte Sara bei einer Schulfreundin übernachten, unbedingt, denn es war gerade so üblich unter ihren Schulkolleginnen. Sie fragte zu Hause, es hieß, naja, dann mach halt. Und Sara tat, freute sich des Lebens, es war ihr ja erlaubt worden. Als sie nach Hause kam, warteten Prügel auf sie. Von da an wußte sie, dass naja eigentlich nein hieß, und nur ein sofortiges ja, ohne aber, auch ein ja war.
Danach konnte sie sich halten, das war einfach. Aber manchmal gab es auf eine Frage ein naja als Antwort, Sara tat dann nicht, was sie eigentlich wollte, und trotzdem gab es Schmipf und Schande.

Ein Leben 1

„Wie lange noch?“, flüsterte sie mit kaum wahrnehmbarer Stimme. „Zwei Wochen, zwei Monate, vielleicht ein Jahr.“, war die nichtsagende, gefühllos klingende Antwort des scheinbar allwissenden Gottes in weiß.
Der Boder schien sich aufzutun, ein großes schwarzes Loch. Sara schien ihre Umwelt kaum mehr wahr zunehmen. Es war alles unwirklich. „Was hat er gesagt? Wie lange? Zwei Wochen? Ich kann noch nicht… ich muss noch… ich bin doch erst… es ist zu früh!“ Dann glitt sie ab in das sie umgebende große schwarze Etwas.

Aktuelle Beiträge

Ist schon in Ordnung!...
Ist schon in Ordnung! Hast ja Recht!
Nachdenkliche - 13. Sep, 19:33
ich wollte nicht mit...
ich wollte nicht mit dem moralischen zeigefinger kommen,...
bonanzaMARGOT - 13. Sep, 05:00
Nicht ganz ohne Stolz...
Nicht ganz ohne Stolz behaupte ich, dass bei mir zwar...
Nachdenkliche - 12. Sep, 18:17
ich meinte den text mit...
ich meinte den text mit wörtern wie "freude",...
bonanzaMARGOT - 12. Sep, 08:57
Mit dem Wort Kapitalismus...
Mit dem Wort Kapitalismus fängt eine Mutter, die...
Nachdenkliche - 11. Sep, 17:54

Mein Lesestoff

Joseph Roth
Hiob

Peter Deibler
Das fünfzigste Jahr

Egyd Gstättner
Der Mensch kann nicht fliegen


Susanne Scholl
Emma schweigt


Hanns-Josef Ortheil
Die Erfindung des Lebens


Maja Haderlap
Engel des Vergessens




Daniel Glattauer
Ewig Dein


Daniel Glattauer
Alle sieben Wellen


Thomas Glavinic
Wie man leben soll


Alice Munro
Himmel und Hölle




Peter Rosegger
Mein Himmelreich


Bertha Suttner
Die Waffen nieder!

Peter Weiss
Die Ermittlung

Web Counter-Modul


User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 1518 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 13. Sep, 19:33

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB


Bücher
Die Welt
Eine Geschichte
Glaube
Liebe
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren