Samstag, 1. August 2015

Das erste Mal

Vor einigen Monaten hatte mich eine ältere Dame auf einen Anbetungstag aufmerksam gemacht. Ihre Erklärung: Unser Gott... in Form der Hostie in der Monstranz... die am Altar steht, dürfe nicht alleine bleiben, und so wechseln sich die Damen stundenweise ab, um dem Herrn Gesellschaft zu leisten. Ob ich dazu nicht Lust hätte? Ich müsse nichts weiter tun, als da zu sein, und alles weitere würde sich ergeben.
Die Vorstellung, eine Stunde allein in einer Kirche zu verbringen, Ruhe um mich, ohne Ablenkung, Zeit um Nachzudenken, meine Gedanken zu ordnen und das eine oder andere Gebet zu sprechen, schien mir sehr verlockend.

Nun war es also soweit, bereits vor zwei Wochen hatte ich mich hochoffiziell eingetragen in eine Liste. So wie es für alles im Leben ein erstes Mal gibt, war auch heute einer dieser Momente. Eine leere Kirche, auf dem Altar die Monstranz umringt von Blumen, zu beiden Seiten brennende Kerzen, davor leuchtend gelbe Sonnenblumen.
Als ich nun wirklich in der Kirche saß, gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Was soll ich tun? Was denken? Ach ja, das Bad wäre auch noch zu putzen.... Wer mich kennt, weiß, dass ich erstens sehr schlecht bin, im Nichtstun und zweitens meistens mehr als einen Gedanken im Kopf habe. Schlechte Vorzeichen, vielleicht war es doch ein Fehler....
Auf den Bänken waren Broschüren ausgelegt, in denen stand, was zu tun war. "Sprich mit Gott in deiner Sprache!" Immer wieder die gleiche Botschaft.
Also dann sprach ich mit Gott in meiner Sprache. Je länger ich unbeweglich in der Kirchenbank saß, und meine Gedanken Gott zuwandte, umso klarer schien mein Leben und einfacher die Lösung mancher Probleme. Wenn die Gedanke abzuschweifen begannen, zwang ich sie durch das Beten mit dem vorsorglich mitgebrachten Rosenkranz in die gewünschte Ordnung.
Die Stunde verging wie im Flug, wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich gerne mehr Zeit verbracht. Befreit, ruhig und zuversichtlich verließ ich die Kirche und die ersten Sonnenstrahlen nach dem eben noch prasselnden Regen fielen vor meine Füße.

Letztendlich kann ich sagen, dass diese Stunde eine wunderbare Erfahrung war, die ich gerne wieder machen möchte. Wer behauptet, es gäbe keinen Gott und der Glaube wäre nur etwas für Kinder und alte Leute, mag vielleicht in seinem Leben damit Recht haben, für mich persönlich trifft das nicht mehr zu.
... im übrigen werde ich mich bei nächster Gelegenheit bei der alten Dame von damals bedanken...

Sprich mit mir in deiner Sprache!

Kirche.
Der Altar, mit Blumen geschmückt,
Kerzen zu beiden Seiten.
In der Mitte die prächtige Monstranz.

Stille.
Die Kirche ist menschenleer, ab und zu Motorengeräusche
eines vorbeifahrenden Autos, Kinderlachen aus den angrenzenden
Gärten.

Gedanken.
Wäsche muss noch aufgehängt werden.. jetzt musst du aber zur Ruhe kommen.. an wen muss ich denken... die Blumen stehen etwas schief... wurde die Katze gefüttert... Ruhe, zwing dich zur Ruhe, deshalb bist du da...

Beten.
Vater unser im Himmel, geheiligt.... und wieder von vorne, für Eltern, Bekannte, Freunde, Kinder, für alle muss gebetet werden, auch für mich... Vater unser im Himmel, geheiligt...

Plötzlich.
Eine Stimme... "Sprich mit mir in deiner Sprache" ...dann nochmal... "Sprich mit mir in deiner Sprache" ... und nochmal...

Ja.
Die restlichen 45 Minuten meiner Stunde verbringe ich in Frieden und Geborgenheit, finde die richtigen Worte, um für diejenigen zu beten, die mir wichtig sind, und für diejenige, die es weniger gut haben im Leben, um "danke" zu sagen, für das Glück in meinem Leben und vieles mehr.
Mein Kopf wird frei, meine Gedanken geordnet, ich fühle mich wie ein neuer Mensch.

Gerne komme ich wieder, zu diesem Anbetungstag in unserer Pfarre.

Aktuelle Beiträge

Ist schon in Ordnung!...
Ist schon in Ordnung! Hast ja Recht!
Nachdenkliche - 13. Sep, 19:33
ich wollte nicht mit...
ich wollte nicht mit dem moralischen zeigefinger kommen,...
bonanzaMARGOT - 13. Sep, 05:00
Nicht ganz ohne Stolz...
Nicht ganz ohne Stolz behaupte ich, dass bei mir zwar...
Nachdenkliche - 12. Sep, 18:17
ich meinte den text mit...
ich meinte den text mit wörtern wie "freude",...
bonanzaMARGOT - 12. Sep, 08:57
Mit dem Wort Kapitalismus...
Mit dem Wort Kapitalismus fängt eine Mutter, die...
Nachdenkliche - 11. Sep, 17:54

Mein Lesestoff

Joseph Roth
Hiob

Peter Deibler
Das fünfzigste Jahr

Egyd Gstättner
Der Mensch kann nicht fliegen


Susanne Scholl
Emma schweigt


Hanns-Josef Ortheil
Die Erfindung des Lebens


Maja Haderlap
Engel des Vergessens




Daniel Glattauer
Ewig Dein


Daniel Glattauer
Alle sieben Wellen


Thomas Glavinic
Wie man leben soll


Alice Munro
Himmel und Hölle




Peter Rosegger
Mein Himmelreich


Bertha Suttner
Die Waffen nieder!

Peter Weiss
Die Ermittlung

Web Counter-Modul


User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 1577 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 13. Sep, 19:33

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB


Bücher
Die Welt
Eine Geschichte
Glaube
Liebe
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren