Das erste Mal

Vor einigen Monaten hatte mich eine ältere Dame auf einen Anbetungstag aufmerksam gemacht. Ihre Erklärung: Unser Gott... in Form der Hostie in der Monstranz... die am Altar steht, dürfe nicht alleine bleiben, und so wechseln sich die Damen stundenweise ab, um dem Herrn Gesellschaft zu leisten. Ob ich dazu nicht Lust hätte? Ich müsse nichts weiter tun, als da zu sein, und alles weitere würde sich ergeben.
Die Vorstellung, eine Stunde allein in einer Kirche zu verbringen, Ruhe um mich, ohne Ablenkung, Zeit um Nachzudenken, meine Gedanken zu ordnen und das eine oder andere Gebet zu sprechen, schien mir sehr verlockend.

Nun war es also soweit, bereits vor zwei Wochen hatte ich mich hochoffiziell eingetragen in eine Liste. So wie es für alles im Leben ein erstes Mal gibt, war auch heute einer dieser Momente. Eine leere Kirche, auf dem Altar die Monstranz umringt von Blumen, zu beiden Seiten brennende Kerzen, davor leuchtend gelbe Sonnenblumen.
Als ich nun wirklich in der Kirche saß, gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Was soll ich tun? Was denken? Ach ja, das Bad wäre auch noch zu putzen.... Wer mich kennt, weiß, dass ich erstens sehr schlecht bin, im Nichtstun und zweitens meistens mehr als einen Gedanken im Kopf habe. Schlechte Vorzeichen, vielleicht war es doch ein Fehler....
Auf den Bänken waren Broschüren ausgelegt, in denen stand, was zu tun war. "Sprich mit Gott in deiner Sprache!" Immer wieder die gleiche Botschaft.
Also dann sprach ich mit Gott in meiner Sprache. Je länger ich unbeweglich in der Kirchenbank saß, und meine Gedanken Gott zuwandte, umso klarer schien mein Leben und einfacher die Lösung mancher Probleme. Wenn die Gedanke abzuschweifen begannen, zwang ich sie durch das Beten mit dem vorsorglich mitgebrachten Rosenkranz in die gewünschte Ordnung.
Die Stunde verging wie im Flug, wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich gerne mehr Zeit verbracht. Befreit, ruhig und zuversichtlich verließ ich die Kirche und die ersten Sonnenstrahlen nach dem eben noch prasselnden Regen fielen vor meine Füße.

Letztendlich kann ich sagen, dass diese Stunde eine wunderbare Erfahrung war, die ich gerne wieder machen möchte. Wer behauptet, es gäbe keinen Gott und der Glaube wäre nur etwas für Kinder und alte Leute, mag vielleicht in seinem Leben damit Recht haben, für mich persönlich trifft das nicht mehr zu.
... im übrigen werde ich mich bei nächster Gelegenheit bei der alten Dame von damals bedanken...
Moonbrother - 12. Sep, 11:57

Der eucharistische Herr ist für mich jedes Mal wieder erhebend. Ihm gilt alle Ehre und Liebe.

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