Eine Geschichte

Donnerstag, 28. August 2014

Ein Leben 10

Sara und die Freundschaft
In jungen Jahren hatte Sara zwei Freundinnen. Beide waren ihr ähnlich, sie hatten gemeinsame Interessen, die gleichen häuslichen Voraussetzungen (bäuerliche Herkunft) und alle drei verbrachten viel Zeit miteinander.
Als Sara in der Ferne ein Lehre begann, verloren sie sich aus den Augen. Aber sie lernte neue Leute kennen und damit entstanden neue Freundschaften.
Vier Jahre später, wieder ein Umzug in die noch weitere Ferne. Wieder ein Anfang, neue Menschen kennenlernen, Freundschaften entwickeln.
Sara lernte auch einen Menschen kennen, von dem sie fast behaupten konnte, sie wäre ihre Schwester. Gleich Vorstellungen vom Leben, der Kindererziehung, der Familie; gleiche Interessen. Kurz gesagt, sie verstanden sich über viele Jahre hinweg ausgesprochen gut, fuhren sogar mit den Kindern und ohne die Männer auf Urlaub und hatten viel Spaß.
Dann begannen die Probleme im Leben der Freundin. Mit dem Mann und anderen Männern und den Kindern. Sara stand ihr bei. Sie weinten beide, suchten gemeinsame Auswege aus auf hoffnungslosen Situationen.
Eine lange Zeit ging das so.
Die Anrufe wurden weniger, keine Antworten mehr auf Nachrichten, kein Türöffnen auf Saras Klingeln.
Viel Zeit verstrich, zwischendurch trafen sie sich zufällig. Die Freundin meinte, sie habe soviel mit sich zu tun, sie habe keine Zeit.
Naja, Sara verstand das und versprach, dann da zu sein, wenn sie wieder Zeit haben würde.
Vor kurzem hörte Sara über Dritte Geschichten, die die Freundin ihr ganz anders erzählt hatte. War sie über Jahre hinweg belogen worden?
Auf Saras Nachfrage kam keine Antwort.
Nun wartet sie... worauf eigentlich? Insgeheim weiß sie, dass diese Freundschaft am Ende ist.

Freitag, 22. August 2014

Ein Leben 9

Sara hat die Leitung für ein Sozialprojekt.
Nur ein kleines, und das nicht ausschließlich aus Nächstenliebe, wenn auch zu einem großen Teil.
Das Projekt wird für eine Abschlussarbeit gefordert. Mit Marketing oder Eventplanung soll es zu tun haben. Wenn man schon seine karge Freizeit opfert, dann wenigstens um damit Menschen eine Freude zu machen. So der Vorsatz.
So weit, so gut. Vier Damen haben sich also zusammengefunden, wovon eine eher gelangweilt, die andere desinteressiert - nach dem Motto "Hauptsache erledigt", die dritte gut motiviert, aber orientierungslos und Sara - von Natur aus Einzelkämpfer, beruflich zwar als Führungskraft, aber Privat - nun ja.
Die besten Voraussetzungen also, um ein rundum gelungenes und wohldurchdachtes Projekt auf die Beine zu stellen. Irgendwie, nachdem anfangs nicht vorangegangen war, rutschte Sara in die Rolle der Projektleitung hinein. Zuerst unbewusst, beruflich entsprechend vorbelastet, später wurden die Fronten geklärt, und sie war offiziell "Chef". Ab diesem Zeitpunkt aber lag nicht die Arbeitsverteilung bei ihr, sondern die Arbeit selbst. Die Kollegen hatten auf einmal keine Zeit, Abgabe- und Besprechungstermin wurden versäumt, aufgetragene Arbeiten nur mittelmäßig erledigt. Für Sara, die ein bisschen pingelig sein konnte und zum Perfektionismus neigt, der wahre Alptraum.
Die Strategien, die im Beruf funktionieren - Motivation durch Lob, Vorbild sein - lassen sich auf einmal in diesem Bereich nicht mehr anwenden.

Irgendwann wird es vorbei sein... das Projekt! Kinderaugen werden leuchten, weil der geplante Ausflug ihnen Freude gemacht hat, Sponsoren und Spender werden ihre Geldbörsen geleert haben, weil sie das Ganze finanziert haben und die Frau Professor wird sagen: "Sehr gut, setzen". Hoffentlich!

Montag, 11. August 2014

Ein Leben 8

So war der Tod für Sara nicht fremd.
Jeden Tag, wenn sie aus ihrem Fenster sah, beim Zubettgehen oder beim Aufwachen, stand am Parkplatz vor dem Fenster ein Leichenwagen. Der Fahrer wohnte im Haus nebenan, und war nicht, wie man vielleicht denken möchte, ein alter schrulliger Mann, sondern ein junger, netter Familienvater mit einem guten Sinn für Humor.
Direkt zu tun hatte Sara mit dem Tod in ihrem Leben nur wenige Male.
Peter, der Freund der sich wegen ihr das Leben nahm.
Ein Großvater, der starb, als Sara fünf Jahre alt war. Von dem Ereignis war ihr nur die Traurigkeit und das Unverständnis in Erinnerung geblieben, als der Sarg in die Erde hinab gelassen wurde, und in ihrem Kopf die Bilder des Großvater, der von den Würmer aufgefressen werden würde. Und später, als alle beim Leichenschmaus Rindfleisch mit Semmelkren aßen und Witze machten. Und die Mutter, die über die horrenden Kosten klagte.
Später gab es da noch Mini, das Meerschweinchen. Sara hatte es bekommen, als es noch ganz klein war. Ein zartes Geschöpf, das sie ganz fest an sich drückte, weil sie endlich jemand hatte, den sie drücken durfte. Dann ließ Mini den Kopf hängen. Sara hatte das Meerschweinchen erdrückt. Tagelang hatte sie geweint. Aus Kummer um Mini und vor Schmerz wegen der Prügel der Mutter.

Ein Leben 7

Sara kannte auch den Tod.
Vor vielen Jahren hatte sie einen Freund. Sie war jung, er um 12 Jahre älter. Er war nett zu ihr, sehr nett sogar. Sie verstanden sich gut, schon bald sahen sie sich täglich, später zog sie zu ihm.
Er war einmal Buchhalter gewesen, an Musik und Kunst interessiert, sah Natur- und Geschichtsdokumentationen. Ein guter Mensch. Nach vier Jahren hatte Sara andere Pläne als er. Er wollte heiraten, sie das junge Leben genießen. Sara hatte sich in den Gefühlen zu ihm getäuscht. Die anfängliche Verliebtheit, die es ganz sicher gewesen war, wurde von einem Gefühl der Verpflichtung abgelöst. Sie war ihm dankbar, für alles, was er getan hatte. Ein väterlicher Freund war er gewesen, in der Zeit ihres Um- und Aufbruches. Es fiel Sara schwer, diese alles zerstörenden Worte auszusprechen. Aber sie tat es. Obwohl er sie liebte, obwohl er sie heiraten wollte, obwohl er mit Selbstmord drohte. Sie sagte es.

Zwei Tage später war er tot. Selbstmord mit Tabletten. Und Sara hat ihn gefunden, an einem heißen Junitag, in seinem Bett liegend.
Auch damals war alles dunkel um sie, Sara war plötzlich allein.

Montag, 14. Juli 2014

Ein Leben 6

Sara kannte eine Liebe.
Vor vielen Jahren hatte sie ihn kennengelernt. Ganz in Schwarz gekleidet, mit blonden Haaren war er vor ihr gestanden. Nie und nimmer will der etwas von dir, dachte sie noch. Und doch, zwei Jahre später kam ihr Sohn zur Welt.
Es war Liebe auf den ersten Blick. Auf beiden Seiten. Gesehen, gefunden. Auf jeden Topf gehört ein Deckel. Dieser Mann war ihr Deckel.
Freilich war ihre Liebe nicht immer glücklich. Zu unterschiedlich die Interessen. Aber in vielen Punkten dachten sie ähnlich. Und das Fundament ihrer Zukunft war ihre Liebe. Sie wächst bis heute.

Als sie die Augen aufschlug, stand er vor ihr. Nicht mehr in schwarz gekleidet, die Haare schon etwas grau und weniger als damals, aber immer noch gut aussehend wie damals. Das sollte es also gewesen sein. Wenn es nach den Ärzten ging, hatten sie noch zwei Wochen….

Ein Leben 5

Sara stand nicht gerne im Mittelpunkt. Für sie zählten andere Werte, sie agiert gerne aus dem Hintergrund, mit Menschen, die ebenfalls wie sie, auf der ruhigen Seite waren. Aber selten mit jenen, die eh schon im Mittelpunkt standen. Sara hatte auch das Gefühl, dass alle Welt sie übersah, sie quasi unsichtbar war. Aber stimmte das?
Sara sprach,... niemand hörte zu. Aber andererseits, die Menschen, die sie kannten, taten das sehr wohl. Woran lag das also? Für den Moment gab dazu kein Patentrezpet.

Ein Leben 4

Sara`s Gedanken begannen wieder zu kreisen. Ganz ruhig, zwang sie sich. Analysieren, strukturieren. Das hatte sie gelernt, durch ihren Beruf. Immer eines nach dem anderen, nur nicht hektisch, sondern konzentriert und ruhig arbeiten. Auf einem Seminar weit weg von zu Hause war es. Führung war damals das Thema gewesen. Wie werde ich "Führungskraft". Sara, die insgeheim schon lange führte, war interessiert dabeigewesen, hatte über den jugendlichen Elant und das Engagement der Kollegen gestaunt, Erfahrungen ausgetauscht, viel gelacht und gut gegessen. Damals hatte sie sich wohl gefühlt, obwohl sie niemals zuvor zwei Tage alleine, ohne ihre Familie, verbracht hatte. Ungewohnt war diese Situation, aber machbar. Die Natur entschädigte sie, ein Ausblick auf eine Burg, die sie tags darauf im Morgengrauen erwandern wollte. Genau diese Ruhe wollte sie nocheinmals spüren. Diese magischen Augenblicke, hoch über den Dächern des Dorfes, kleine Wolken am Himmel, nichts zu hören, als ein paar Vögel und ihren etwas stoßweise kommenden Atem. Diese Stunde, mit sich alleine, hoffend, dass es jemanden gibt, der sie am Abend empfangen würde und jemand anderen, der über sie wachte und ihr Gutes wollte.
Führungskräfte mussten kommunikativ sein, wahrscheinlich auch gerne im Mittelpunkt stehen und ihnen durfte nichts peinlich sein. So war es gesagt worden, und Sara hatten den Eindruck, als ob unter den 15 Teilnehmern des Kurses sie die Einzige sei, die all das nicht war. Ruhig hörte sie zu, nahm Gedanken auf, dachte sie zu Ende. Bei unzähligen Gruppenaktivitäten, immer wieder einer der etwas präsentieren musste, sie wusste, dass sie das nicht sein konnte. Aber war das wichtig? Scheinbar schon. Nur so konnte man, lt. dem Trainer, eine gute Führungskraft sein. Man muss alle Punkte beherzigen und "draufhaben". Was für ein Wort....

Ein Leben 3

Mit diesen Eindrücken wachte Sara in einem Krankenbett auf. Ihr Mann stand daneben, ein paar Männer in weiß, ihr Mann fragte sie etwas, sie antworteten mit Ja. Das konnte doch nicht so schlecht sein, obwohl sie die Frage davor nicht verstanden hatte.
Ihre Gedanken begannen zu rasen, was hatten sie gesagt? Nur noch so kurz Zeit. Warum? Wieso? Plötzlich sahen sie alle an, sie lag nur da, und schloss die Augen. Nur nichts mitbekommen, einfach Stille um alles zu begreifen, noch ein paar Augenblicke.
Ihr Mann strich ihr über den Kopf, sie hörte den Arzt flüstern, dann eine Zimmertür und endlich war es ruhig.

Ein Leben 2

Vor langer Zeit, als sie noch ein kleinen Mädchen war, fühlte sich Sara verloren. Verloren und allein gelassen, sie hatte Angst vor allem möglichen, vor allem vor der Dunkelheit. Das schien es ihr, als kämen Geister hinter der Mauer hervor, und würden sie mitnehmen wollen, in eine Welt, die sie nicht kannte.
Sie hatte Angst, das Falsche zu tun oder zu sagen, vor den Strafen der Mutter, vor den Attaken des Vaters. Einmal wollte Sara bei einer Schulfreundin übernachten, unbedingt, denn es war gerade so üblich unter ihren Schulkolleginnen. Sie fragte zu Hause, es hieß, naja, dann mach halt. Und Sara tat, freute sich des Lebens, es war ihr ja erlaubt worden. Als sie nach Hause kam, warteten Prügel auf sie. Von da an wußte sie, dass naja eigentlich nein hieß, und nur ein sofortiges ja, ohne aber, auch ein ja war.
Danach konnte sie sich halten, das war einfach. Aber manchmal gab es auf eine Frage ein naja als Antwort, Sara tat dann nicht, was sie eigentlich wollte, und trotzdem gab es Schmipf und Schande.

Ein Leben 1

„Wie lange noch?“, flüsterte sie mit kaum wahrnehmbarer Stimme. „Zwei Wochen, zwei Monate, vielleicht ein Jahr.“, war die nichtsagende, gefühllos klingende Antwort des scheinbar allwissenden Gottes in weiß.
Der Boder schien sich aufzutun, ein großes schwarzes Loch. Sara schien ihre Umwelt kaum mehr wahr zunehmen. Es war alles unwirklich. „Was hat er gesagt? Wie lange? Zwei Wochen? Ich kann noch nicht… ich muss noch… ich bin doch erst… es ist zu früh!“ Dann glitt sie ab in das sie umgebende große schwarze Etwas.

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