Schweigen
Nichts ist geblieben. Nichts ist geworden. Nichts. Wohin nun? Ich weiß nicht einmal das. Heimatlose finden keine Heimat. Sie haben nie dazugehört und werden es auch in Zukunft nicht. Die eisige Mine, der stechende Blick. Wiedereinmal ist es passiert, und diesmal gerade dort, wo es nicht sein durfte, nicht sein konnte. Ja, so ist es. Die Anderen – sie gehören nicht hierher. Sie stören die Einigkeit, die Vertrautheit. Ich bin die andere. Ich gehöre nicht hierher, genausowenig wie die, die mit mir kamen. Auf Einladung. Und doch unerwünscht.
Aber wisst ihr, wir leben damit. Wir haben damit leben gelernt. Wir mussten es.
Diese Worte gingen mir durch den Kopf, als ich auf der Bank saß, die letzten Sonnenstrahlen des Tages im Rücken. Fallende Blätter. Gelb, rot, braun, dazwischen samtiges grün. Vor mir der Blick auf die vielen, sogar die namenlosen. Tausend Seele. Unbekannt. Nein. Seelen ist falsch. Die Seelen schweben empor, sagt der Volksmund. Die Körper werden zu Staub, aber die Seelen leben weiter. Trennt sich die Seele vom Körper im Tod? Wartet die Seele, bis sie sich wieder mit dem Körper vereint? Ist nicht der Mensch eine Einheit aus beidem, gerade das, was ihn zum Du macht?
Ist deine Seele irgendwo hier? Bist du hier? Hörst du mich?
Auch mir ist nichts geblieben, nicht einmal meinen Namen haben sie mir gelassen.
Aber du hast doch zumindest deinen Flecken Erde, wollte ich erwidern.
Ja, aber auch den muss ich teilen. Ich musste weichen. Sie haben den Platz gebraucht, für einen anderen. Mein ganzes Leben brauchten sie den Platz. Ich habe nicht dazugehört. Sie wollten mich nicht. Und der neue – auch ihn wollten sie nicht. Ihm wird es gehen, wie mir. Sie kümmern sich um uns, weil sie es müssen. Sie können uns ja nicht liegenlassen, irgendwo. Man verscharrt uns. Nicht einmal ein Lied singt man uns.
Du auch? Wollte auch dich niemand?
Sieh mich doch an? Hier hab ich meinen letzten Flecken Erde gefunden und auch den muss ich teilen. Was willst du eigentlich von mir?
Was willst du von mir, fragte ich zurück. Ich sitze hier und beweine mein Elend. Ich will meine Ruhe. Ich habe gehofft, sie hier zu finden, inmitten all der Toten. Ich hoffte, sie würden schweigen. Menschen reden, ja, das weiß ich. Sie reden unaufhörlich. Aber die Toten. Sie halten den Mund. So habe ich geglaubt. Und jetzt störst du mich mit deinem Gejammere.
Komm, sei nicht ungerecht! Du bist es, die hier sitzt und jammert, nicht ich. Du lebst. Du frierst nicht. Du hungerst nicht. Da täusche ich mich doch nicht, oder?
Nein, erwiderte ich. Du täuscht dich nicht. Ich habe sogar eine Wohnung, einen Job, ein Kind. Und doch habe ich nichts. Ich wollte anderes. Mehr. Etwas bewirken. Etwas verändern. Aber schau mich an. Nichts davon hab ich geschafft. Obwohl ich gearbeitet habe, mich bemüht habe, pflichtbewusst war. Wusstest du, dass ich nicht einen einzigen Tag gefehlt habe, dass ich fast nie einen Termin abgesagt habe, dass ich hingegangen bin, obwohl ich es nicht wollte. Immer wieder! Viel zu oft. Und schau, was ist geblieben. Ich sitze hier und rechtfertige mich vor dir. Wer bist du eigentlich?
Und warum sprichst du mit mir? Lass mich in Ruhe. Es will mich auch sonst niemand. Da waren diese stechenden Augen am Sonntag. Dieses Mustern von oben und unten. Dieses Stehenlassen und Ignorieren. Es geht mir nicht aus dem Kopf. Und dieser Sager von dem alten Mann. Er will mir nicht aus dem Kopf. Ich hab ja nicht einmal verstanden, was er genau gesagt hat, nur der abfällige Ton hat sich eingebrannt.
Du interpretierst zu viel hinein. Frag nächstes Mal nach und gib eine Antwort. Aber wenn du nicht einmal weißt, was er gemeint haben könnte – zerbrich dir doch nicht den Kopf. Das Leben ist zu kurz für trübe Gedanken.
Oh, welch weise Worte von einem, der sogar seinen letzten Fleck teilen muss. Warst du immer schon der Oberlehrer? Kein Wunder, dass du am Ende allein warst. Ich war gemein zu ihm und insgeheim wusste ich es. Und doch sagte ich es. Schweigen. Man muss schweigen. Sie hatte es mir eingehämmert. Immer und immer wieder. Und vorgelebt. Nein, sie hatte mich nicht verteidigt. Sie ist nicht für mich eingestanden. Nein. Immerhin ist sie zu mir gestanden, hat mich angehört und ernstgenommen. Und doch hat sie nichts getan. Sie hat es geschehen lassen. Sie hat geschwiegen!
Aber wisst ihr, wir leben damit. Wir haben damit leben gelernt. Wir mussten es.
Diese Worte gingen mir durch den Kopf, als ich auf der Bank saß, die letzten Sonnenstrahlen des Tages im Rücken. Fallende Blätter. Gelb, rot, braun, dazwischen samtiges grün. Vor mir der Blick auf die vielen, sogar die namenlosen. Tausend Seele. Unbekannt. Nein. Seelen ist falsch. Die Seelen schweben empor, sagt der Volksmund. Die Körper werden zu Staub, aber die Seelen leben weiter. Trennt sich die Seele vom Körper im Tod? Wartet die Seele, bis sie sich wieder mit dem Körper vereint? Ist nicht der Mensch eine Einheit aus beidem, gerade das, was ihn zum Du macht?
Ist deine Seele irgendwo hier? Bist du hier? Hörst du mich?
Auch mir ist nichts geblieben, nicht einmal meinen Namen haben sie mir gelassen.
Aber du hast doch zumindest deinen Flecken Erde, wollte ich erwidern.
Ja, aber auch den muss ich teilen. Ich musste weichen. Sie haben den Platz gebraucht, für einen anderen. Mein ganzes Leben brauchten sie den Platz. Ich habe nicht dazugehört. Sie wollten mich nicht. Und der neue – auch ihn wollten sie nicht. Ihm wird es gehen, wie mir. Sie kümmern sich um uns, weil sie es müssen. Sie können uns ja nicht liegenlassen, irgendwo. Man verscharrt uns. Nicht einmal ein Lied singt man uns.
Du auch? Wollte auch dich niemand?
Sieh mich doch an? Hier hab ich meinen letzten Flecken Erde gefunden und auch den muss ich teilen. Was willst du eigentlich von mir?
Was willst du von mir, fragte ich zurück. Ich sitze hier und beweine mein Elend. Ich will meine Ruhe. Ich habe gehofft, sie hier zu finden, inmitten all der Toten. Ich hoffte, sie würden schweigen. Menschen reden, ja, das weiß ich. Sie reden unaufhörlich. Aber die Toten. Sie halten den Mund. So habe ich geglaubt. Und jetzt störst du mich mit deinem Gejammere.
Komm, sei nicht ungerecht! Du bist es, die hier sitzt und jammert, nicht ich. Du lebst. Du frierst nicht. Du hungerst nicht. Da täusche ich mich doch nicht, oder?
Nein, erwiderte ich. Du täuscht dich nicht. Ich habe sogar eine Wohnung, einen Job, ein Kind. Und doch habe ich nichts. Ich wollte anderes. Mehr. Etwas bewirken. Etwas verändern. Aber schau mich an. Nichts davon hab ich geschafft. Obwohl ich gearbeitet habe, mich bemüht habe, pflichtbewusst war. Wusstest du, dass ich nicht einen einzigen Tag gefehlt habe, dass ich fast nie einen Termin abgesagt habe, dass ich hingegangen bin, obwohl ich es nicht wollte. Immer wieder! Viel zu oft. Und schau, was ist geblieben. Ich sitze hier und rechtfertige mich vor dir. Wer bist du eigentlich?
Und warum sprichst du mit mir? Lass mich in Ruhe. Es will mich auch sonst niemand. Da waren diese stechenden Augen am Sonntag. Dieses Mustern von oben und unten. Dieses Stehenlassen und Ignorieren. Es geht mir nicht aus dem Kopf. Und dieser Sager von dem alten Mann. Er will mir nicht aus dem Kopf. Ich hab ja nicht einmal verstanden, was er genau gesagt hat, nur der abfällige Ton hat sich eingebrannt.
Du interpretierst zu viel hinein. Frag nächstes Mal nach und gib eine Antwort. Aber wenn du nicht einmal weißt, was er gemeint haben könnte – zerbrich dir doch nicht den Kopf. Das Leben ist zu kurz für trübe Gedanken.
Oh, welch weise Worte von einem, der sogar seinen letzten Fleck teilen muss. Warst du immer schon der Oberlehrer? Kein Wunder, dass du am Ende allein warst. Ich war gemein zu ihm und insgeheim wusste ich es. Und doch sagte ich es. Schweigen. Man muss schweigen. Sie hatte es mir eingehämmert. Immer und immer wieder. Und vorgelebt. Nein, sie hatte mich nicht verteidigt. Sie ist nicht für mich eingestanden. Nein. Immerhin ist sie zu mir gestanden, hat mich angehört und ernstgenommen. Und doch hat sie nichts getan. Sie hat es geschehen lassen. Sie hat geschwiegen!
Nachdenkliche - 14. Okt, 17:07
